Italienische Sprachgeschichte — Europass

Italienisch und seine unendliche Geschichte

Ursprünge der italienischen Sprache

Italienisch stammt vom Lateinischen ab. Den selben Ursprung haben auch Spanisch, Katalanisch, Portugisisch, Französisch, Rumänisch. Sie alle (und auch mindere Sprachen wie Okzitanisch, Provencal, Gallisch, Laden und Friulan) sind allgemein als romanische Sprachen bekannt.

Die sprachliche Entwicklung von seinen Ursprüngen bis heute

Zu Beginn des Mittelalters nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches blieb das Lateinische in Europa als Amts- und Sakralsprache sowie als offizielle Sprache in europäischen Universitäten erhalten. Das Lateinische behauptete sich überdies als Schriftsprache.

Das „einfache Volk“ verständigte sich jedoch im Vulgärlatein oder auch Sprechlatein. Hieraus entwickelten sich dann die protoromanische Volkssprache und schließlich die romanischen Einzelsprachen.

Die ersten Schriftstücke auf Italienisch

Die ersten schriftlichen Zeugnisse des italienischen „volgare“ stammen aus dem späten 8. oder frühen 9. Jahrhundert.

Dokumente, die Rechtsangelegenheiten zwischen Personen betrafen, die kein Latein beherrschten, mussten verständlich abgefasst werden. So ist eines der ältesten Sprachdokumente des Italienischen das Placito cassinese aus dem 10. Jahrhundert. In diesem Dokument wird die Zugehörigkeit einiger Gebiete um Capua in Campanien zu einem Benekiktinerkloster beurkundet.

Erst im 13. Jahrhundert begann eine eigenständige italienische Literatur, zunächst in Sizilien am Hof Friedrichs II. (Scuola siciliana).
Der Schriftsteller Dante Alighieri war hier besonders einflussreich. Großen Einfluss auf die italienische Sprache im 14. Jahrhundert hatten auch Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio.

Die Grundlage des modernen Italienischen

Aus historischer Perspektive ist es nicht falsch zu behaupten, dass der hohe oder kultivierte toskanische Dialekt,
den die drei wichtigsten Dichter des 14. Jahrhunderts (Alighieri, Boccaccio und Petrarca)
nutzten, als Grundlage des modernen Italienischen gelten könne.

Die italienische Sprache, wie wir sie heute kennen ist Ergebnis einer stetigen Entwicklung und unzähliger Debatten. Um das 16.Jh begannen die Debakel (Questione della lingua) über das was die korrekte Sprachform Italiens sein sollte. Dank auch des maßgeblichen Einflusses wichtiger Schriftsteller setzte sich schließlich eine historisierende Form der Sprache durch, die auf das Toskanische des 13./14. Jahrhunderts zurückgeht.

Bis zur Vereinigung 1861 war Italien in verschiedenen Staaten geteilt. Die meisten von ihnen standen unter ausländischer Herrschaft. Als Italien 1861 vereinigt wurde, wurde beschlossen Toskanisch Amtssprache des Landes werden zu lassen.

In diesem Kontext ist es jedoch wichtig zu erwähnen, das es eine sehr hohe Prozentzahl an Analphabeten gab und immer gegeben hat, vor allem in den ländlichen Regionen auch noch bis in die 50.Jahre

Folgedessen wurden Dialekte über Jahrhunderte als Alltagssprache verwendet, und jeder, der sich auf Italienisch ausdrücken konnte, tat dies mit grammatischen, lexikalischen und phonetischen Aspekten, die von regionalen und lokalen Dialekten beeinflusst waren.

Gebrauch der Dialekte in Italien

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, ist der Gebrauch der dialektalen Sprache in Italian einzigartig. Noch heute werden in Italien Dialekte als Alltagssprache aktiv genutzt und zwar nicht nur von den Großeltern. Obwohl sehr oft das „Standard-Italienisch“ von den Jüngeren genutzt wird, können sehr viele von ihnen Dialekt sprechen oder ihn zumindest verstehen.

Die Dialekte sowie die Aussprache können sogar in Städten der selben Region sehr verschieden sein.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Toskana:  Von Florenz, Pisa über Livorno bis hin zu Lucca und Arezzo kann man große Unterschiede in der Aussprache feststellen.

Dialekte und das regionale Italienisch

Von Urzeiten an wurden Dialekte fälschlicherweise als die „verarmten Verwandten“ der Standardsprache angesehen. Heute weiss man: Dialekte haben einen unschätzbaren kulturellen Wert.

Ein weiteres Vorurteil, welches heute fast ausgestorben ist, war das die Standardsprache nur von der oberen Gesellschaft genutzt würde und Dialekte vom einfachen Volk gesprochen wurden. Aus aktuellen Statistiken geht hervor dass zum Beispiel in Venetien, eine der wirtschaftlich am meisten entwickelten Regionen Italiens,  gut die Hälfte der Bevölkerung Dialekt spricht.

In den letzten 50 Jahren wurden regionale Ausdrücke aus der Toskana, Lombardei, Venetien, Neapel und Sizilien in die nationale Sprache aufgenommen.  Daher überrascht es nicht, das Dialekte intensiv von Sprachexperten studiert wurden und sie auch oft in der Literatur vorkommen.

Verbreitung des Standarditalienischen

Um  1950, eine Zeit in der Italien einen kompletten Wiederaufbau seiner Infrastruktur, Wirtschaft und Politik , erfuhr, weniger als 20% der Bevölkerung sprach fließend „Standard“ Italienisch.

Analphabetentum und Halb-Analphabetentum war zehr verbreitet. Die Verfassung der italienischen Republik von 1948 führte das Recht auf Grundausbildung ein.

Trotzdem wurde dieses Recht nicht immer garantiert und wahrgenommen. Die Möglichkeit einer höheren Ausbildung oder Zutritt zur Universität war meistens nur Sprößlingen reicher Familien vorbehalten. Kinder der Arbeiterschicht wurden oft nur eine weitere Arbeitskraft um zum Familieneinkommen beizusteuern.

Das bedeutete, das viele Kinder die Grundschule gar nicht beendeten obwohl sie von rechts wegen die Schule bis zum 18. oder sogar 20. Lebensjahr besuchen sollten, eben bevor sie zur Wehpflicht antraten.

Merkwürdig aber wahr: was wirklich zur Vereinigung der Sprache beigetragen hat war das Fernsehen!

Der staatliche Fernsehsender RAI begann 1954 die ersten Programme zu senden. In den darauf folgenden Jahren, bis zum Wirtschaftsboom  zwischen 1958 und 1962, wurde das Fernsehen nicht nur zu einer Möglichkeit Menschen zusammenzubringen (denn nur wenige konnten sich einen Fernseher leisten) sondern auch um Kulturprogramme und Sprachmodelle zu übertragen.

Zwischen 1960 und 1968 brachte RAI  „Non è mai troppo tardi, oder “Es ist niemals zu spät,” ein Kurs für Erwachsene zur Alphabetisierung, vom Lehrer Alberto Manzi präsentiert. Dank dieser Sendung, lernten viele Menschen Lesen und Schreiben und es wird geschätzt das in jener Zeit rund eineinhalb Millionen Italiener es gelang das Grundschulzeugnis zu erhalten.

Moral von der Geschichte: die Verbreitung einer standardisierten italienischen Sprache wurde so durch Wirtschaftswachstum, eine bessere Lebensqualität und die allmähliche Verbreitung von Bildungs- und Sprachprogrammen im Fernsehen unterstützt.

TV und Standarditalienisch: eine interessante Beziehung

In den ersten glücklichen 20 Jahren bot das Fernsehen seinen Zuschauern Sendungen mit Bildungsniveau an. In den darauf folgenden Jahren änderte sich das leider drastisch. .

Seit den 80er, als das Fernsehen kommerzieller erfolgreich wurde, drehten sich die meisten Shows um Unterhaltung, wurden vulgärer und waren eher einfach gestrickt. Sie stellten oft Verhaltensweisen dar, die weit ab von der Realität waren.

In den Jahren darauf hatte dieser Wandel einen schlechten Einfluß auf die kulturelle Bildung der jüngeren Generationen. Es wurde eine vereinfachte Umgangsprache eingeführt, voll mit Slang aber arm an Wörtern und sinnvollen Zusammenhängen oder ganz einfach nur falsch.

Verarmung der Sprache

Italienisch ist reich an Vokabeln,  idiomatischen Ausdrucksweisen und  semantische Nuancen. Nicht durch Zufall enthalten die besten Wörterbücher  von 80.000 bis zu 250.000 Schlagwörter.

Eine Forschung, die wenige Jahre vor dem Tod des bekannten italienischen Linguist  Tullio De Mauro (1932-2017), getätigt wurde, erwies das in  alltäglichen Geprächen nur rund 3000 Wörter genutzt werden.

Eine ähnliche Forschung ergab, das in bestimmten Bevölkerungsgruppen (und nicht unbedingt die benachteiligten),  grundliegende Grammatikregeln, wie zum Beispiel der Gebrauch des Konjunktiv,  völlig falsch genutzt oder gar ignoriert wird.

Ein staatliches Dekret 2007 hat die Schulpflicht von 14 bis zu 16 Jahren verlängert. Das heisst, das italienische Schüler nun mindestens 10 Jahre die Schulbank drücken müssen. Im Detail: 5 Jahre Grundschule, 3 Jahre Sekundarstufe, 2 Jahre Gymnsasium oder Fachhochschule.

Jetzt es ist mehr denn je an den Schulen so wie an den Familien, Schülern eine passende Bildung in allen Aspekten zu gewährleisten. 

Doch da spielen noch einige Faktoren eine Rolle, die der guten Bildung Steine in den Weg legen: der Unterricht, Materialien und die allgemeine Ausstattung der Klassenräume sind meist unzureichend nicht auf dem neuestem Stand, Schüler, die lieber in den Socials chatten als gute Bücher zu lesen und die dementsprechend geringe Wortegewandtheit beim Schreiben.

Das hat zum Ergebnist, das in einigen Fakultäten schriftliche Tests eingeführt wurden um die Schreibfähigkeit der Studenten zu testen. Die Accademia della Crusca (älteste italienische Sprachgesellschaft),  die ihren Standort in der Medicivilla Castello in Florenz (wo auch sonst) hat, ist für die Überprüfung und Registrierung aller sprachlichen Phänomene und Veränderungen verantwortlich.

Einflüsse anderer Sprachen

Seit Italien eine Republik 1946 geworden ist, wurde Italienisch nach und nach mit ausländischen Wörtern bereichert.

Auch vor jener Zeit waren ausländische Wörter  in Bereichen wie Mode (französisch), Sport (englisch) und Philosophie und Psychologie (deutsch) gängig. .

Zur Zeit des Faschismus wollte man all diese fremden „Verschmutzungen“ loswerden und die italienische Sprache kontrollieren. Ein klares Beipiel dafür stellt Italiens Nationalsport dar. Fußball wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von einigen Engländern mit englischen Begriffen eingeführt. Diese wurden folglich unter dem faschistischen Regime entfernt und verändert.

Zum Beispiel, „goal“ wurde „rete“, „penalty“ wurde „calcio di rigore“, „offside“ wurde „fuorigioco“ und „corner“ wurde „calcio d’angolo“.

Manchmal wurde es mit der Italianisierung etwas übertrieben. Zum Beispiel im Film „Vom Winde verweht“ wurde aus Scarlett O’Hara eine sehr italienische „Rossella“ und die allseits beliebten Disneyfiguren wurden Paperino, Zio Paperone, Topolino usw.

Nach der Kriegszeit bis in die 70er Jahre war Französich die erste Fremdsprache, die man in der Schule lernte. Zur gleichen Zeit bahnte sich aber auch Englisch, vor allem durch Musik, einen Weg in die italienischen Gemüter. In den letzten 40 Jahren hat Englisch die Überhand bekommen und ist zur ersten Fremdsprache in den Schulen aufgestiegen. Die Sprache spielte damals so wie heute noch eine sehr wichtige Rolle in Bereichen wie Tourismus, Business, IT und Public relations.

Und wie es halt so ist, wenn eine Fremdsprache, ob man sie sprechen kann oder nicht, allgegenwärtig wird, werden einige italienische Wörter von ihren ausländischen Vettern ersetzt. Ein typisches Beispiel, welches man oft in Italien hört ist: „Andiamo a fare shopping“ (Lass uns shoppen gehen). Hier wird „Shopping“ anstelle des italienischen „spese“ oder „acquisti“ genutzt. Als Deutsche wollen wir den Italieniern keine Vorwürfe machen, denn bei uns ist es ja genauso.

Italienisch als Kultursprache im Ausland

Seit fast 40 Jahren geniesst Italien das Interesse Menschen aus aller Welt. Um diesem Interesse gerecht zu werden, begannen italienische Sprachschulen in Italien wie die Pilze aus dem Boden zu schiessen, genauso wie Italienischkurse- und unterricht an vielen Schulen und Universitäten im Ausland.

Aber was ist denn nun der wahre Grund, Italienisch zu lernen? Darauf finden wir nur eine Antwort:  LIEBE!
Italienisch ist eine Frage der Liebe. Das kann Liebe zu einer Person sein, zu einer Stadt oder einer Reise. Aus keinem anderen Grund nähert man sich Italien und seiner wahrhaft einzigartigen Sprache.

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